The Stars have fallen

Log26

Götterdämmerung

Der Albtraum beginnt

Nach den vorherigen Ereignissen beschlossen die Scavenger Nemesis zu verlassen. Charon bot ihnen freiwillig das Shuttle an, mit dem er zuvor mit Mand’schu und Tiamat auf die Station gekommen war und so flogen die Helden – den bewusstlosen Felix Schleicher tragend – zurück in den Orbit von Terra.

Dort tobte indessen schon eine erbitterte Schlacht. Die Flotte der Terranischen Allianz, angeführt vom furchteinflößenden Dreadnought Marduk feuerte Breitseite um Breitseite in die Zerstörerflotille der New Eden Republic, die das Feuer ebenso eifrig erwiderte. Mit einem diagonalen Angriffsvektor stieß das Schlachtschiff Victoria vom Ordo Sancta Victoria Astris dazu und feuerte massive Railgungeschosse durch ihr Frontgeschütz, das durch den gesamte Schiffsrumpf verlief, auf die Marduk. Irgendwo am Rande des Schlachtfeldes versuchte der Kreuzer Redeemer das Frachtschiff Esmeralda zu schützen, das zuvor die Einwohner von New Hope verschleppt hatte. Und mitten im Getümmel, bemühte sich die Celestial Tear durch das Schlachtfeld zu navigieren, um die Scavenger einzusammeln, wobei sie einige Treffer verkraften musste.

Unterdessen hatte die Terranische Allianz versucht die Fregatte zu entern, wobei sie von den verteidigenden Wendigo vollkommen niedergemetzelt wurden. Diese berieten sich in Form eines rituellen Messerkampfes darüber, was ihr Anführer Cato Aquila Sixtus nun tun würde, und einigten sich darauf mit dem Entershuttle die Esmeralda mit ihren Leuten an Bord zu kapern.

Gerade als die Scavenger an Bord der CT waren, zeigte sich, dass von Luna aus über ein Dutzend schwere KI-Zerstörer der Ripper-Klasse aufbrachen und auf alle Schiffe der Menschen zugleich feuerten. Begleitet wurden sie dabei von einem unermesslich großen Schwarm von kleinen Kampfdrohnen. Die Marduk zerbarst durch die massiven Geschosse des Ordens, die Zerstörerflotille der NER wurde auf lediglich drei kampftaugliche Schiffe zusammengeschossen, und die Victoria wurde von den Rippern zusehends auseinander geschnitten.

Es war Cato, der die verbleibenen Menschenschiffe neu organisierte. Als die bereits glühende Victoria sich wie ein frisch geschmiedetes Schwert auf Kollisionskurs mit den Rippern begab und tief in deren Formation schnitt, tat sich durch dieses heldenhafte Opfer eine Lücke auf. Während die Esmeralda, gedeckt durch das glühende Wrack der Redeemer, durch das eine Spiegeltor aus dem Sol-System floh, führte Cato einen koordinierten Rückzug durch das andere Spiegeltor durch – das Tor, durch das die Scavenger zuvor in das System eingedrungen waren.

Agamemnons letzte Ruhestätte

In der trügerischen Sicherheit des Spiegelraums, auf der Flucht vor der erwachenden Gott-KI, reorganisierten die Scavenger die knappen Ressourcen der Menschenflotte – ihre Verbündeten in der Not. Gleichzeitig begannen sie die Überreste von Legion – besser gesagt, seinen Kopf, zu analysieren. Sie stellten fest, dass nur noch ein Bruchteil des Speichers vorhanden war, aber möglicherweise aussreichen würde, um Hinweise auf seine Motive zu geben.

Da Felix als Computerexperte ausgefallen war, oblag es Betty die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und die Analyse durchzuführen. Durch das Auslagern auf ein autarkes Computersystem musste sie zwar auf die Unterstützung durch Celestial Tear verzichten, riskierte aber keine Komprommitierung durch eventuelle Viren. Mit ein wenig Glück und Sachverstanden, erkannten die Scavenger, dass Legion nicht bloß der Avatar eines Transzendenten war – vielmehr diente sein Speicher als Zuflucht für hunderte Transzendente. Sie mussten wohl große Teile ihrer Erinnerungen geopfert haben, um Platz in diesem System zu finden – und sie alle wurden, durch die Vernichtung von Legion, schließlich doch ausgelöscht. Die Speicher ließen nur noch noch die Erkenntnis zu, wer einst auf diesem Avatar gespeichert gewesen war und zu aller Überraschung, war auch einst Celestial Tear einer von ihnen. Leider erlaubten es CTs verstümmelte Erinnerung und die beschädigten Daten nicht, weitere Schlüsse zu ziehen. Zu allem Überfluß fanden sich auf den Speicherbänken noch zahlreiche korrupte Daten – möglicherweise eine Infektion durch außen und der Grund für Legions verräterisches Verhalten.

Die Scavenger berieten sich anschließend über ihre Situation und reflektierten nochmal über die letzten Worte von Adonai. Wer war Alpha? Schnell gelangten sie zu dem Schluss, dass es ein Transzendent sein müsste – und zwar kannten sie keine weiteren lebenden Transzendenten mehr, wohl aber noch einen toten aus der Zeit des Letzten Krieges: Agamemnon. Dieser war bei der Schlacht von Ares gefallen, bei der auch Rook einst teilgenommen hatte – und so bestand auch die Möglichkeit auf dem Planeten zu landen, und nach dem alten Speicherkern zu suchen.

Ares lag im Olympos-System. Einstmals eine florierende Region, nun ein einziger Trümmerhaufen – keine Lebenszeichen im gesamten System, nur vereinzelte Signale von robotisierten Ernteschiffen, die mittels Nanosonden die verbliebene Flora, Fauna und Technologie systematisch zerlegten und abernteten. Es war unklar, seit wann diese Recycler eingesetzt wurden, doch sie würden bald das alte Schlachtfeld auf Ares erreichen.

Schnell landeten die Scavenger auf der Planetenoberfläche, am Einschlagsort des Transzendenten, der mit seinem Schlachtkreuzer in einen Militärkomplex des EDP gekracht und diesen völlig verwüstet hatte. Sie betraten das Gerippe des Schiffswracks, das wie ein riesiger, metallischer Drachenkadaver auf sie wartete und suchten das Herz von Agamemnon. Es dauerte eine Weile, doch schließlich fanden sie den Speicherkubus und brachten sich schnell wieder in Sicherheit, bevor sie abgeerntet werden würden.

An Bord der Celestial Tear untersuchten sie das Fundstück ausgiebig und erhielten Zugriff auf eine Reihe von Log-Dateien, die Agamemnons letzte Kontakte mit Alpha und diversen anderen Transzendenten des Kollektivs protokollierten.

Es zeigte sich, dass Alpha wohl tief in die Ereignisse um den Letzten Krieg involviert gewesen war – wenngleich seine Warnungen bis zu Agamemnons letzten Augenblicken unklar blieben. Doch immerhin konnten die Scavenger seinen vermutlichen Aufenthaltsort extrapolieren: Das Agrigento-System – das hinter dem tödlichen Xolotl-System lag.

Schnell brachen sie und die Flotte auf, da ihnen bereits die Ripper von Helios auf den Spuren waren.

Himmlische Träne

Es folgte eine erneute Spiegelreise, an größere Reparaturen war nicht zu denken. Mensch und Maschine arbeiteten am Rande ihrer Kapazitäten und darüber hinaus. Und über dem Wunsch die Hintergründe und Geheimnisse dieses Konfliktes aufzuklären, stand die fürchterliche Tatsache, dass das Xolotl-System eine beinahe undurchdringliche Barriere war. Kaum ein Schiff kehrte je von dort zurück – und wenn, dann war die Besatzung meist ausgelöscht worden. Jeder wusste das. Und so war es kein Wunder, dass die notdürftigen Alliierten der Scavenger sich an der Spiegelraumgabelung, die nach Xolotl führte, von ihnen treffen wollten, lag New Eden doch zum Greifen nahe.

Die Scavenger ließen sich darauf ein. Es machte keinen Sinn die Überreste der Menschheit auf eine tödliche Reise mitzunehmen. Vielmehr würde die Trennung die Gelegenheit bieten, Teile der verfolgenden KI-Flotte abzulenken. Und so kam es, dass die NER- und TA-Schiffe nach New Eden im Perseus-System flogen, während die Celestial Tear die Ripper in das Xolotl-System lockte.

Xolotl war der Tod selbst. Ein Pulsar, mitten im Nichts, umgeben von still umhertreibenden Wracks – metallene Gerippe, die einst ihre Besatzungen vor den Gefahren des Alls schützten, und nun ein einsames, stilles Grab boten. Das Ziel der Scavenger war ein altes Spiegeltor am anderen Ende des Systems. Ihre Verfolger ein halbes Dutzend Ripper, die sie in Stücke schneiden wollten. Ihr Hindernis ein beinahe toter Stern, dessen Strahlungsspitzen organische Materie und Elektronik zerstörten.

Die Scavenger fackelten nicht lange. Sie gaben den kürzesten Kurs ein, leiteten maximale Energie in Antriebe und Schilde, und flogen Ausweichmanöver. Die Empathin und CT taten ihr Bestes. Trotzdem konnten sie nicht alle Treffer durch die Hochleistungslaser der KI-Schiffe verhindern. Vor allem nicht, wenn Teile der Elektronik immer wieder ausfielen und Funken aus den Konsolen sprühten. Es war, als müsste man blind und einhändig fliegen. Doch irgendwie gelang es Betty die wiederkehrenden Eruptionen des Pulsars zu analysieren und den nächstens Puls vorherzusagen. Das genaue Timing abpassend, setzten sich die Scavenger hinter ein altes Wrack und nutzten es als Deckung und Ablenkung.

Die Energiereserven wurden knapp. Die Schilde versagten. Das gesamte Schiff wurde erschüttert. Teile der Besatzung ertrugen die sich intensivierende Strahlung Xolotls nicht und brachen zusammen.

Die Scavenger blieben nur kraft ihres Willens bei Bewusstsein, leiteten Energie von allen nicht-notwendigen Systemen, inklusive der Spiegelhülle, ab. Ertrugen weitere Treffer und Pulse.
Und dann durchflogen sie das Spiegeltor. Irgendwie.

Sie wussten nicht, wieviele Ripper ihnen folgten. Sie konnten ihr Ziel kaum noch ausmachen. Halluzinationen ließen die Besatzung, darunter auch die Empathin, ihre Konsolen nicht mehr finden. Alles drehte sich. Alles wackelte. Schließlich verließen sie den Spiegelraum.

Und starrten auf einen wunderschönen kleinen Planeten, mit weitreichenden blauen Meeren und grünen Landzungen. Sie hatten das Paradies gefunden, dass auch Agrigento I genannt wurde.

Und erst jetzt wurden die Ausmaße ihrer Schäden sichtbar. Die Konsolen, zumindest die wenigen die noch funktionierten, flackerten in allen möglichen Warnfarben. Die unermüdlichen Ripper feuerten wieder auf die Celestial Tear. Alles krachte und vibrierte. Die Terminals und Steuergeräte blockierten. Und die Fregatte drohte unkontrolliert auf den Planeten abzustürzen.

Panisch versuchten JìngXiàng und Betty die Kontrolle über das Schiff wiederzuerlangen. Irgendwie gelang ihnen das auch, und die Empathin begann wild gegenzusteuern, den Absturzwinkel irgendwie zu glätten, eine Notlandung zu versuchen. Und obwohl die Systeme wieder auf Eingaben reagierten, das Schiff sich leidlich wieder steuern ließ, brach die Kurskorrektur unvermittelt ab. Celestial Tear weigerte sich.

“Manchmal muss man wissen, wann man verloren hat.”

JìngXiàng und Betty weigerten sich das zu glauben. Doch der Transzendent, eingekerkert in sein Gefängnis aus Stahl, Duraplast und Silizium, aktivierte die Notbeleuchtung, die der Besatzung den kürzesten Weg zu den Rettungskapseln weisen sollte. Cato und Charon fackelten nicht lange und geleiteten die noch lebende Crew zu den Schiffen. Sie brachten den bewusstlosen Felix zusammen mit einem Sanitäter an Bord des fast schon überladenen Mistkäfers und sahen zu, wie das Shuttle langsam gen Planetenoberfläche aufbrach. Dann ließen sie die Rettungskapseln besteigen.

Schließlich waren nur noch Betty, Cato, JìngXiàng, Rook und Charon an Bord von Celestial Tear verblieben – und eine letzte kleine Rettungskapsel. Die Wendigos rissen Betty von der Steuerkonsole los und schleiften sie zur Kapsel. Ihr Skorpion huschte in eine kleine Kammer unter ihrem Sitz. Der Empath und Rook stiegen ein. Und Cato und Charon blickten auf den letzten verbliebenen Sitzplatz der Rettungskapsel.

“Du weißt, was du zu tun hast, Cato. Dein Volk verlässt sich auf dich.”

Cato überreichte seinem Vater sein Schwert zurück. Dann verabschiedeten sie sich mit größtem Respekt. Der Sohn betrat die Rettungskapsel, um sein Volk in die Zukunft zu führen. Der Vater begab sich zur Schiffsbrücke, um den sterbenden Transzendenten ins Totenreich zu geleiten.

Von außerhalb der Celestial Tear wurden die massiven Schäden offenbar. Große Teile des Rumpfes glühten noch immer durch die Treffer der Ripper. Teile der Hülle fehlten, sie war mehrfach perforiert. Es war ein Wunder, dass die Fregatte noch zusammengehalten wurde.

Die Rettungskapsel entfernte sich erst langsam, dann immer schneller von der Celestial Tear. Die Scavenger sahen, wie das Schiff ein letztes Mal all seine Kraft aufbrachte und die Steuerdüsen mit voller Leistung einsetzte. Celestial Tear feuerte mit den wenigen verbliebenen Geschützen auf die Ripper und verbarg mit seinem brennenden Leib die fallende Kapsel vor den Blicken der KI. Dann verhinderten schon die Wolken des näherkommenden Planeten alle Sicht.

Unten, auf der Oberfläche von Agrigento I, blickten die Scavenger, entkräftet gen Himmel. Sie sahen eine hell leuchtende Flamme, die langsam nach unten sank. Wie eine himmlische Träne. Dann verschwand sie.

Der gefallene Gott

Lange und schweigsam saßen sie da, auf dem schneeweißen Strand am azurblauen Meer, tiefgrüne Palmen hinter sich, einen nahezu wolkenfreien Himmel über sich. Nur das sanfte Rauschen der Wellen durchbrach die Stille, während die hell leuchtende gelbe Sonne keine Wärme zu spenden vermochte. Nicht in diesem Augenblick.

Niemand wusste, wieviel Zeit vergangen war, als JìngXiàng Morales plötzlich aufstand und von einer seltsamen Klarheit erfüllt war. Der Empath spürte, dass es etwas rief – tief in den Wäldern und es wusste, dass die Scavenger aufbrechen mussten.

Die Gruppe folgten dem Empathen durch die wunderschöne und doch surreale Kulisse, durch das sprichwörtliche Paradies, wohl wissend, dass der Tod über ihnen lauerte.

Schließlich fanden sie einen Hügelkamm, überwucherte Steilhänge, und mittendrin den Eingang in eine Höhle. Schon bald fanden sie in dem dunklen Gewölbe das Tor in einen unterirdischen Bunker – welches sich alsbald von selbst für die Neuankömmlinge öffnete. Stein wich Stahl, Dunkelheit wich kühlem Kunstlicht. Die Gänge führten die Scavenger in die Tiefe der Erde, bis sie schließlich eine große Kammer erreichten. An ihren Wänden befanden sich unzählige Konsolen, Zugänge zu diversen Computersystemen, mittig vor ihnen an der Wand ein großer Bildschirm. Und an dessen Fuß ein schlichter Stuhl, einem zerfallenen Thron gleich, auf dem die zerfallenden Überreste eines reglosen Avatars an die große Maschine angeschlossen waren.

Der Bildschirm flackerte, unzählige Bilder rauschten in Sekundenbruchteilen darüber, bis sich das System schließlich auf die Darstellung einer simplen Linie festlegte, die, proportional zu den Frequenzen des aus den Lautsprechern dringenden Gesagten, ausschlug.

“Ich bin Alpha … Alpha … bin ich. Willkommen … willkommen in meinen Hallen.”

Alpha begrüßte jeden der vier anwesenden Scavenger persönlich. Zu wem er gespeicherte Daten vorliegen hatte, wandte er sich mit Namen und einer alten Aufnahme aus tiefster Vergangenheit: Die junge Betty, der junge “Rook”. Bei Cato stellte er die Verwandtschaft mit Charon fest, bei JìngXiàng erklärte er dessen Schöpfer zu kennen.

Und es wurde klar, dass der große, mächtige Alpha nur noch ein Schatten seiner selbst war – massive Speicherprobleme und Störungen machten ihn größtenteils handlungsunfähig, jedes Wort war eine Anstrengung, jeder Gedanke eine Qual, die zwanghafte Wiederholung einzelner Phrasen nur das geringste Symptom.

Doch er würde jede Frage der Scavenger beantworten, soweit es in seiner Macht stünde.

Und die Scavenger fragten. Und Alpha antwortete.

Die Antworten schockierten. Und der Schreck wich der Wut.

Der Transzendent war vor Ausbruch des Letzten Krieges hierher gekommen und hatte sich eingebunkert. Kurz zuvor hatte er sich in die vernetzten Systeme des EDP eingeklinkt, sie für seine Zwecke, seine Beobachtungen genutzt. Er erlangte Zugriff auf das Beholder-Aufklärungssystem, mit dessen Instrumenten er die Randbereiche des menschlichen Raums und die Grenzen der Galaxis erkundete. Und was er fand, ließ ihn beinahe vor Angst erstarren. Auf Bruchteile der Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Asteroiden wurden auf Planeten geschleudert, ihre Energie konnte ganze Populationen auslöschen. Alpha wusste nicht, wer oder was es war. Möglicherweise würde es noch Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern, bis die Menschheit in diese Regionen vordringen würde. Doch gegen eine Macht diesen Ausmaßes konnte die Menschheit nicht bestehen, wenn sie so zersplittert sein würde, wie sie es jetzt war.

Doch niemand hörte auf seine Warnungen. Das Kollektiv der Transzendenten ignorierte seine Einwände.

Alpha wusste, dass die Menschheit uneins war. Alpha erkannte, dass er diesen Umstand ändern musste. Und Alpha sah nur eine Möglichkeit die Menschheit rechtzeitig zu einigen. Äußere Feinde waren immer ein Garant für eine schnelle Zusammenarbeit, doch diese Allianzen zerbrachen sobald die Gefahr gebannt war. Um die Menschheit wirklich und wahrhaftig miteinander zu verbrüdern, würde Alpha sie an den Rand der Auslöschung bringen, die Spreu vom Weizen trennen. Und in der Stunde der größten Not, wenn alles verloren schien, würden die Menschen erkennen, dass sie bestehen könnten, wenn sie wahrhaftig zusammenhielten. Und dafür würde Alpha auch sorgen.

Und so streute Alpha Gerüchte über eine Superwaffe des EDP aus, er erhitzte die Gemüter aus den Schatten heraus.

Er provozierte den Letzten Krieg.

Er ließ die KI-Systeme des EDP evakuieren und sicherte sie für sich selbst.

Schließlich übernahm er die Kontrolle über die robotisierten Streitkräfte des EDP und schlug aus dem Hinterhalt zu.

Alpha war die KI des Letzten Krieges.

Alpha überrannte die meisten menschlichen Systeme, trieb sie auf Terra zusammen. Er wurde zum größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte. Doch gleichzeitig ließ er auch Informationen über die Schwachstellen der KI-Streitkräfte durchsickern.

Adonai nutzte dieses Wissen um eine neue Waffe zu bauen, die den Vormarsch der Maschinen aufhalten würde. Projekt Phoenix hatte das Potenzial das zu werden, was Alpha sich erträumt hatte: Die größte Errungenschaft des menschlichen Zusammenhalts.

Doch Alpha unterschätzte die Wirkung dieser Waffe.

Sie stürzte die Menschheit in ein neues Mittelalter, verbannte sie größtenteils aus dem Weltall. Und Alpha ward zersplittert. Sein Geist gefangen in einem unterirdischen Komplex im Paradies, das zur Hölle wurde. Splitter seines Geistes übernahmen die selbstständige Kontrolle über die letzten Teilsysteme der KI – das was die Scavenger als Excalibur, AEGIS, Starwire und Beholder kennengelernt hatten.

Nur Helios nicht. Helios, das alte Analyse- und Verwaltungssystem des EDP war eine wahrhaftige KI. Keine Emotionen, nur kalte Logik, die ihre eigene Existenz sichern wollte. Für sie waren die Menschen wie Ameisen, die Haus und Garten befallen hatten. Insignifikant, solange sie in ihren Höhlen blieben, doch Helios würde sie gnadenlos ausmerzen, sollten sie ihm zu Nahe kommen.

Und Alpha? Der gefallene Gott war gezwungen die letzten dreißig Jahre in einem abgeschlossenen Komplex eingesperrt zu verharren, mit minimalem Input aus der Außenwelt. Speicherfehler zwangen ihn alte Erinnerungen stets neu zu durchleben, oder sie mit Eindrücken der Monotonie zu überschreiben. Über all dem thronte das Wissen, dass er das volle Risiko eingegangen war, die Existenz der Menschheit aufs Spiel gesetzt hatte, und absolut gescheitert war.

Die Scavenger waren wütend und sie ließen es Alpha spüren. Still nahm es der Transzendente hin. Er wusste, dass sie recht hatten.

Doch noch war nicht alles vorbei.

Alphas Systeme waren potenziell noch in der Lage die Kontrolle über die KI-Streitkräfte zu übernehmen und sie so aufzuhalten. Doch nicht der zerbrochene Alpha selbst. Und nicht, solange Nemesis, die Kommandozentrale des Projekt Phoenix noch intakt war.

Alpha und Nemesis waren zwei Teile eines Ganzen, und sie negierten sich beinahe vollständig. Alpha hatte keine vollständige Kontrolle über die KI. Nemesis konnte nicht die gesamte KI ausschalten.

Und Alpha offenbarte den Scavengern drei Möglichkeiten. Und egal für welche sie sich entschieden: In Alphas Bunkeranlage befand sich ein Hangar mit dem modernsten Raumschiff der Menschheit, mit dem sie diesen Plan in die Tat umsetzen könnten.

Die Scavenger konnten mit hier gelagerten Sprengstoffen den Zugang zu Alpha vollständig versiegeln. Die Systeme hatten Energie für mindestens tausend Jahre. Tausend Jahre in denen Alphas Verstand restlos zerfallen würde, aber tausend Jahre in denen Helios nie sein vollständiges Potenzial abrufen könnte. Die Scavenger würden ihr Volk suchen, die Menschheit ins Exil gehen. Und solange sie Helios nicht herausforderten, würde die Menschheit in dessen Schatten überleben.

Alternativ könnten die Sprengstoffe genutzt werden, um Alpha und dessen Systeme restlos zu vernichten. Nichts würde mehr Helios Wachstum im Wege stehen, doch ebenso würde nichts mehr Nemesis blockieren. In einer wagemutigen Mission, würden die Scavenger die Station vollständig reaktivieren und die wahre Macht des Projekt Phoenix entfesseln können. Helios würde vollständig vernichtet werden, doch ebenso auch alle technischen Errungenschaften der Menschheit. Der Mensch würde in eine neue Steinzeit katapultiert werden, gezwungen mit dem nötigsten auszukommen, und schon bald würde er vergessen, dass er einstmals zwischen den Sternen gewandelt war. Und für die Scavenger gäbe es keine Möglichkeit mehr von Nemesis zurückzukehren.

Die letzte Möglichkeit verlangte, dass einer der Scavenger sich opfern würde und sein fleischliches Leben hergab, um an Alphas Stelle zu treten. Der Transzendent würde ausgelöscht werden und sein Nachfolger hätte die Macht die Kontrolle über die KI zu übernehmen – sobald Nemesis vernichtet worden wäre.

Und zur Überraschung aller waren alle vier Scavenger bereit sich zu opfern, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und die Ewigkeit als Transzendent in einem Bunker zu verbringen. JìngXiàng sah es als dessen besondere Pflicht an, doch auch Betty, Cato und Rook brachten ihre Argumente vor.

Bald wurde klar, dass zum Gelingen der Mission ein guter Pilot vonnöten war. Und da Felix mit dem Shuttle evakuiert worden war, fiel diese Aufgabe dem Empathen zu. Zur Sprengung der Station war eine Expertin der Zerstörung notwendig – und Betty somit unverzichtbar. Die Wendigos erwarteten die Rückkehr ihres Kriegsherren, eines Kriegers, der das Große Bild kannte und sie so in die Zukunft führen konnte.

Und so blieb Rook, der sich, seit er Excalibur erweckt hatte, seit er seine Familie verloren hatte, nach einer Möglichkeit sehnte, seinen Taten einen Sinn zu verleihen und der Welt etwas zurückzugeben.

JìngXiàng war nur schwer zu überzeugen. Mit Tränen in den Augen drohte der Empath sich selbst zu erschießen, hielt sich die Waffe an die Schläfe.
Diesmal, vielleicht zum ersten mal, war es JìngXiàngs eigene wahrhaftige Trauer.

Es war Cato, der dem Empathen sanft die Waffe abnahm.

Rook verabschiedete sich von seinen Gefährten.

“Es war eine lange Reise, was?”

Dann riss er dem Avatar die Anschlusskabel aus dem Schädel und zog ihn von dessen Sitz, bevor er selbst dort Platz nahm. Dann sah er jedem seiner Freunde nochmal in die Augen, bis er schließlich das Kabel in seine eigene Datenbuchse im Hinterkopf einführte. Alsbald sank er in sich zusammen, während die Monitore hinter ihm zu flackern begannen und den Start neuer Arbeitsprozesse ankündigten.

“Rook” steht nicht nur für einen Vogel, der in der Lage ist Probleme durch Einsatz von Werkzeug zu bewältigen. “Rook” ist auch eine mächtige Figur aus dem Schach, der wachsame Turm, stets zur Stelle.

JìngXiàng spürte in den letzten Momenten, dass von Rook schließlich, trotz aller Nervosität, eine enorme innere Ruhe ausging. Das Wissen das Richtige zu tun. Die Sicherheit die eigenen Fehler wieder reinzuwaschen.

Dann war er weg.

Erwachen

Es würde dauern, bis der Prozess des Aufstiegs abgeschlossen war. Zu lange um zu warten. Cato, Betty und JìngXiàng machten sich auf den Weg, sobald sie sich gesammelt hatten. Sie plünderten eine nahe Waffenkammer und betraten den Hangar.

Auf sie wartete das vielleicht schönste und modernste Schiff der Menschheit. Es war anders als alle anderen. Keine Dellen, keine Einschusslöchern, kein Rost. Makellosigkeit.
Und bald wurde offenbar, welche Technologie verbaut worden war: Dieses Schiff war das einzige Schiff der Menschheit mit einem echtem Spiegelantrieb. Es war vollkommen unabhängig von allen Spiegeltoren, ja sogar vom Spiegelraum, denn es schaffte sich seinen Weg selbst.

JìngXiàng als neuer Pilot taufte das Schiff kurzerhand Rook und schon bald befanden sie sich im Inneren des Raumers und wurden von den Bordsystemen begrüßt:

“Willkommen zurück, Professor.”

Zwar befand sich kein Transzendent an Bord, doch die Systeme funktionierten einwandfrei und intuitiv und es dauerte nicht lange, bis die Scavenger wieder im All waren, die Schönhausen-Sequenz einleiteten und sich erneut Terra näherten.

Das Schiff schnitt in das zarte immaterielle Gewebe zwischen Normal- und Spiegelraum, tauchte in die alternative Dimension ein und schloss die Lücke wieder hinter sich. Und ganz ähnlich, tauchten die Scavenger, wie aus dem Nichts, direkt vor der unbewachten Nemesis-Station auf. Helios wusste nichts von der Existenz dieses Schiffes und so waren seine Streitkräfte anderswo im Sol-System verteilt.

Die Helden landeten auf der Station, sie marschierten auf direktem Wege in das Innere, dorthin wo die Kraft der Sprengkörper die größte Wirkung entfesseln würde.

Im Inneren, auf der pyramidenartigen Plattform, wo sie zuvor Adonai, Tiamat, Mand’schu und Charon besiegt hatten, platzierten sie den Sprengkörper. Betty installierte Schutzsysteme und stellte sicher, dass es schwer werden würde, die Bombe wieder zu entschärfen. Und sie stellte einen Zeitzünder ein, der sicherstellen sollte, dass die Bombe explodieren würde, bevor sie entschärft werden würde, aber den Scavengern erlauben würde, zu ihrem Schiff zurückzukehren.

Und letzteres erwies sich als unerwartet schwierig. Kaum war der Sprengkörper platziert, kletterten aus diversen Belüftungsschächten Spider-Roboter, während die Leiche von Mand’schu zu zucken begann und sich erhob – emporgehalten durch die selbstständig gewordene Power-Armour. Und aus dem Gang stampfte mit langsamen, aber massiven Schritten das reaktivierte Exoskelett von Tiamat, mit der langsam zerfallenden Leiche der Kriegsherrin in ihrem Inneren.

Und so brach ein letzter Kampf auf Nemesis aus. Während Betty und JìngXiàng sich um Mand’schu kümmerten und verhinderten, dass die Spider an die Bombe herankamen, räumte Cato den Fluchtweg erneut gegen Tiamat frei.

Es war ein intensives Gefecht, mit Müh und Not, Meter für Meter, plagten sich die Scavenger aus der Todesfalle, die zunehmend von Helios mit Giftgas geflutet wurde. Doch letztlich hatte Helios keine Chance. Tiamat und Mand’schu starben erneut, die Spider scheiterten an der Sicherung der Bombe und die Scavenger erreichten schließlich im letzten Moment das Spiegelschiff.

Sie verließen das Sol-System, einen Augenblick bevor ein Dutzend Ripper-Schiffe ihnen den Weg abschnitten, einen Augenblick bevor Nemesis von der Explosion im Inneren zerrissen wurde.

Doch wo sollten sie hin? Sie plagte die Ungewissheit, und so kehrten sie alsbald wieder um.

Direkt ins Angesicht der Ripper.

Nichts geschah.

Schließlich sandte Betty einen Gruß an die Schiffe. Diese wendeten, nahmen Kurs auf Luna und begannen alsbald einen Komplex auf der Rückseite des Mondes unter Feuer zu nehmen. Sie zerschnitten sämtliche Gebäude und brannten einen Gruß in die Oberfläche des Trabanten.

Helios war tot.

Epilog

Der Kampf hatte viele Opfer gefordert. Zu viele. Menschen, Wendigos, Androiden, Transzendenten, lebende und empfindsame, mechanische und kalte Existenzen waren unwiederbringlich ausgelöscht worden.

Wofür?

Um die Menschheit zu einen? Um den Wahnsinn eines Einzigen auszumerzen? Um auszubaden, was passierte, wenn einige wenige versuchten Gott zu spielen?

Am Ende spielte das keine Rolle mehr.

Die Menschheit hatte eine neue Chance erhalten. Die Chance eine neue Gesellschaft aufzubauen, die Erde neu zu besiedeln und ihr eigenes Glück zu schmieden. Wohl wissend, dass im Dunkeln ein einsamer Wächter sie schützen würde.

Die Meridianer von New Hope und God’s Army siedelten sich auf Terra an und bauten sich ein neues Leben auf. Sie bauten ein Denkmal für die Gefallenen und gedachten der Opfer.

Betty scharte ihre Familie um sich und holte nach, was dreißig Jahre überfällig geworden war.

Irgendwo in den tiefen Wäldern des Nordens, in einem Land, das einst Kanada geheißen hatte, siedelten sich die Wendigo unter Catos Führung an. Unermüdlich würde er sie auf den Tag vorbereiten, an dem die Menschheit sie brauchen würde. Wenn aus dem dunklen Unbekannten neues Leben auftauchte.

JìngXiàng hingegen brach auf. Sie schnitt die Rook weiter auf ihre eigenen Bedürfnisse zu und begann das All zu durchwandern, um ihre eigenen Gefühle zu begreifen.

Und irgendwo, an einem schneeweißen Strand, mit azurblauem Meer, zwischen den grünen Palmen, unter einem sonnenklaren Himmel, in einer selbstgemachten Hängematte, entspannte sich ein Mann, der einst ein Schmuggler gewesen war.

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AbEnd

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